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Martin Volgger

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suessmoments

In meiner Arbeit als Sportpsychologe und Psychotherapeut begegne ich häufig Menschen, die unter sogenannten mentalen Blockaden leiden. Sie sind übermäßig streng mit sich, leiden unter Ängsten, Stress und Selbstzweifeln und blicken eher pessimistisch in die Zukunft. Die Folge: Ihre Selbstwirksamkeit – also jene innere Überzeugung, Schwierigkeiten aus eigener Kraft bewältigen zu können – ist wenig ausgeprägt. Und das hat nichts mit mangelnden Fähigkeiten zu tun, die oft sogar ausgesprochen groß sind.

Einstellungen und Haltungen bilden die Grundlage unserer sogenannten Mindsets – und diese entstehen häufig schon in der Kindheit. Eltern sind die ersten und wichtigsten Bezugspersonen. Fast alle wünschen sich, dass ihre Kinder glückliche, stabile und selbstbewusste Menschen werden. Doch was gut gemeint ist, trifft nicht immer das, was Kinder wirklich brauchen.

Im Folgenden finden sich typische elterliche Botschaften – nicht nur in Worten, sondern auch in Tonfall, Körperhaltung oder Verhalten – die das Selbstvertrauen von Kindern stärken oder schwächen können.

Worte, die das Selbstvertrauen stärken – und solche, die es schwächen

STÄRKT DAS SELBSTVERTRAUEN
„Ich hab dich lieb – egal, was passiert.“
SCHWÄCHT DAS SELBSTVERTRAUEN
„Ich mag dich, wenn du brav bist.“

Kinder brauchen Sicherheit, dass Liebe nicht an Leistung gebunden ist. Studien der Harvard University zeigen, dass bedingungslose Zuneigung ein zentraler Schutzfaktor für emotionale Stabilität ist.

Du hast dich angestrengt und einen Fehler gemacht. Das ist ärgerlich, kommt bei uns allen vor. Und wenn es keine Fehler gäbe, könnten wir auch nicht dazulernen.
„Solche dummen Fehler dürfen nicht passieren!“

Fehler sind Lernchancen. Wer Angst vor Fehlern hat, wird sich immer wieder selbst bremsen und lieber nichts tun, als zu scheitern.

„Ich weiß, dass du deinen Weg gehen wirst.“
„Du wirst noch auf der Straße landen!“

Wenn Eltern Vertrauen ausdrücken, wächst das Selbstvertrauen des Kindes. Entwicklungspsychologin Prof. Fabienne Becker-Stoll betont: „Kinder übernehmen den Glauben, den Eltern in sie setzen – und machen ihn zu ihrem eigenen.“

„Wie geht es dir? Was fühlst du? Was ärgert oder freut dich?“
„Denk nicht so viel nach – Gefühlsduselei hilft nicht!“

Kinder, die über Gefühle sprechen dürfen, entwickeln mehr Empathie und Selbstbewusstsein. Eine Studie der Universität Toronto zeigt, dass regelmäßige Gespräche über Emotionen soziale Kompetenz und Konfliktfähigkeit fördern.

„Du bist du, und wir haben dich genau so gern, wie du bist. Vergleiche sind unfair.“
„Warum kannst du nicht so sein wie …?“

Vergleiche sind Gift fürs Selbstwertgefühl. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul schrieb: „Vergleiche sind die Währung der Unsicherheit.“

„Gib dein Bestes, und dann sehen wir, was herauskommt.“
„Wenn du das nicht schaffst, lacht man dich aus!“

„Muss“- und „Darf-nicht“-Gedanken erzeugen Druck und Angst, statt Motivation. Erfolg wächst aus Zuversicht, nicht aus Furcht.

„Niemand kann Gedanken anderer lesen – konzentriere dich auf das, was du selbst denkst und fühlst.“
„Wenn du das tust, denken andere, du bist …!“

Kinder, die glauben, Gedanken anderer erkennen zu müssen, verlieren den Kontakt zu ihren eigenen Bedürfnissen.

„Probier’s ruhig – du kannst das schaffen.“
„Das kannst du nicht!“

Forschung (u. a. Carol Dweck) zeigt: Kinder mit einem „Growth Mindset“ – dem Glauben, sich entwickeln zu können – sind motivierter, aus Fehlern zu lernen.

„Sei hilfsbereit, aber sag auch mal Nein, wenn es für dich nicht passt.“
„Sag lieber nicht Nein, sonst mögen dich die anderen nicht.“

Kinder sollen lernen, Grenzen zu setzen. Wer immer Angst hat, andere zu enttäuschen, verliert den Kontakt zu sich selbst.

„Ich möchte, dass du das verstehst – weißt du, warum ich dich darum bitte?“
„Wenn du das nicht machst, dann …!“

Drohungen bringen kurzfristig Ruhe, aber langfristig Angst und Misstrauen. Verständnis entsteht durch Erklärung, nicht Einschüchterung.

„Mit Sorgfalt kann man das vermeiden, und wenn doch etwas passiert, finden wir eine Lösung.“
„Hoffentlich passiert das nicht – das wäre eine Katastrophe!“

Katastrophisieren schürt Angst und lähmt. Kinder lernen, Probleme realistisch einzuschätzen, wenn Erwachsene

ruhig und lösungsorientiert bleiben.

„Mach eine Pause – das gibt dir neue Energie.“
„Wer Erfolg will, darf keine Pause machen!“

Kinder müssen lernen, auf ihren Körper zu hören. Pausen fördern Selbstwahrnehmung, Konzentration und emotionale Stabilität.

„Ich weiß, dass du es schaffen kannst, aber es ist auch in Ordnung, um Hilfe zu bitten.“
„Stell dich nicht so an, das schaffen andere doch auch!“

Kinder dürfen Schwäche zeigen, ohne sich dafür zu schämen. Unterstützung zuzulassen, stärkt Selbstvertrauen – nicht das Gegenteil.

Eltern müssen nicht perfekt sein!

Kinder formen ihr Selbstbild aus den Botschaften, die sie täglich hören, sehen und spüren.

Worte, Tonfall, Gestik und gelebtes Verhalten wirken wie ein innerer Spiegel:

Eltern müssen nicht perfekt sein – aber achtsame, ermutigende Kommunikation kann den entscheidenden Unterschied machen.

Wer Kindern Vertrauen, Wertschätzung und Verständnis zeigt, stärkt ihre seelische Widerstandskraft – und damit das Fundament für ein gesundes, stabiles Selbstbild.

„Das, was Eltern sagen, wird zur inneren Stimme ihrer Kinder.“

— Jesper Juul