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Martin Volgger

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Übersteigertes Leistungsdenken

Aktuelle Metaanalysen zeigen deutlich, dass organisierte sportliche Aktivitäten bei Kindern und Jugendlichen langfristig positive Effekte haben, die bis ins Erwachsenenalter reichen. Zahlreiche Studien bestätigen, dass der oft zitierte Satz „Sport ist eine Lebensschule“ wissenschaftlich gut begründet ist.

Wenn geeignete Rahmenbedingungen vorhanden sind, bietet der Sport ein ideales Erfahrungsfeld für die Entwicklung wichtiger Lebenskompetenzen. Kinder lernen dort, mit Stress und Emotionen umzugehen, Durchhaltevermögen zu entwickeln, mit Erfolg und Misserfolg umzugehen, ihre Selbstwirksamkeit zu stärken sowie in einer Gruppe Verantwortung zu übernehmen und Teamgeist zu leben. Gleichzeitig fördert regelmäßige Bewegung ein gesundes Körpergefühl und stärkt das Selbstbewusstsein.

Wo Licht ist, gibt es auch Schatten

Neben diesen positiven Wirkungen gibt es jedoch auch Entwicklungen, die problematisch werden können – besonders dann, wenn „Leistung um jeden Preis“ zum dominierenden Leitprinzip wird. Ein solches krankhaft verzerrtes Leistungsdenken ist wissenschaftlich gut dokumentiert und wirkt sich oftmals deutlich negativ auf die persönliche Entwicklung aus.

Wichtig ist dabei zu verstehen, dass dieses Denken selten aus den Kindern selbst heraus entsteht. Es wird in den meisten Fällen durch das Umfeld geprägt – vor allem durch Trainer, Eltern oder Vereinsverantwortliche. Auch sie selbst stehen häufig unter Druck, sei es durch Erwartungen des Vereins, durch Konkurrenzsituationen oder persönliche Motive. Dieser Druck wird dann oft unbewusst an die Kinder weitergegeben.

Negative Folgen eines „kranken Leistungsdenkens“

Die wohl größte Gefahr liegt darin, dass Kinder und Jugendliche den Eindruck gewinnen, sie seien nur dann wertvoll oder geliebt, wenn sie Leistung erbringen. Das kann zu einer tiefen Verunsicherung führen. In der Folge entwickeln manche Kinder eine übermäßige Angst vor Fehlern und beginnen, Neues zu vermeiden, weil das Risiko des Scheiterns zu groß erscheint. Daraus kann sich ein rigider, perfektionistischer Anspruch entwickeln, der den Spaß am Sport zunehmend verdrängt.

Viele zeigen übersteigerte Stressreaktionen – etwa Schlafprobleme, psychosomatische Beschwerden oder Niedergeschlagenheit. Andere verlieren ihr Selbstvertrauen, beginnen sich ständig mit stärkeren oder erfolgreicheren Gleichaltrigen zu vergleichen und zweifeln an ihrem eigenen Wert. Auch die Fähigkeit, Kritik konstruktiv anzunehmen, wird beeinträchtigt: manche wehren sie grundsätzlich ab, andere übernehmen sie unreflektiert und machen sie zur „inneren Wahrheit“.

Auf körperlicher Ebene erhöht chronischer Stress die Verletzungsanfälligkeit und verschlechtert die Konzentration im Wettkampf. All dies führt dazu, dass Kinder und Jugendliche ihre Freude am Sport verlieren und zunehmend negativ über sich und ihre Leistung denken. Diese Entwicklungen schaden nicht nur dem sportlichen Ergebnis und der psychischen Gesundheit, sie führen leider allzu oft dazu, dass die Kinder oder Jugendlichen früher als notwendig den aktiven (Wettkampf-) Sport beenden. In der heutigen Welt der digitalen Medien ist dieser Schritt umso schwerwiegender.

Leistungsdenken ist nicht das Problem – aber krankes Leistungsdenken schon

Leistungsorientierung an sich ist keineswegs schädlich. Sie kann motivieren, Ziele geben und Selbstvertrauen stärken. Entscheidend ist jedoch, dass Kinder und Jugendliche erleben, dass ihr Wert nicht an Resultate geknüpft ist.

Wir Erwachsenen tragen Verantwortung dafür, welche Werte wir vermitteln. Kinder und Jugendliche brauchen Räume, in denen sie Fehler machen dürfen, ohne Angst vor Entwertung. Sie müssen spüren können, dass sie unabhängig vom Wettkampfergebnis wertvoll sind, dass Druck bewältigbar ist und dass sie Unterstützung erhalten, wenn sie sie brauchen.

Besonders wichtig ist, dass Sport für sie ein Ort bleibt, an dem sie sich wohlfühlen und Freude haben können. Denn echte mentale Stärke entsteht dort, wo Kinder und Jugendliche aus eigener Motivation handeln, sich sicher fühlen, Rückschläge bewältigen lernen und erleben dürfen, dass Fehler Teil des Lernprozesses sind – und nicht Ausdruck eines mangelnden Wertes. Nicht dort, wo sie befürchten müssen, „nicht genug“ zu sein.