
Die Macht des Selbstvertrauens
Bei einer Fußball-Weltmeisterschaft erleben wir immer wieder dasselbe Phänomen: Eine Spitzenmannschaft liegt wenige Minuten vor Schluss zurück – und dennoch glaubt kaum jemand, dass das Spiel entschieden ist. Im Gegenteil: Viele erwarten sogar, dass der Favorit noch zurückkommt. Liegt hingegen eine Außenseitermannschaft in derselben Situation zurück, scheint die Partie oft gelaufen.
Welcher faszinierende Mechanismus steckt aus sportpsychologischer Sicht dahinter?
Spitzenmannschaften verfügen über eine hohe Selbstwirksamkeit – den festen Glauben, auch unter größtem Druck das Spiel noch drehen zu können. Dieser Glaube basiert auf unzähligen Erfolgserlebnissen. Wer wiederholt erfahren hat, dass ein spätes Tor möglich ist, denkt nicht an das Scheitern, sondern an die nächste Chance. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf Lösungen.
Für den Außenseiter beginnt häufig genau in diesem Moment ein mentaler Kampf. Mit jeder Minute wächst der Gedanke: „Hoffentlich schaffen wir das.“ Aus dem Wunsch zu gewinnen wird die Angst, den Sieg noch zu verlieren. Sportpsychologen sprechen hier von einem Wechsel von einer Annäherungs- zu einer Vermeidungsorientierung. Man spielt nicht mehr, um erfolgreich zu sein, sondern um Fehler zu vermeiden.
Auswirkungen auf das Verhalten der Spieler auf dem Platz.
Plötzlich wird jeder Ball nur noch weggeschlagen, Angriffe werden nicht mehr konsequent ausgespielt und die Mannschaft zieht sich immer weiter zurück. Ausgerechnet der Versuch, nichts mehr falsch zu machen, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Fehler passieren. Der Gegner spürt diese Unsicherheit – und gewinnt selbst zusätzliches Vertrauen.
Die „große“ Mannschaft denkt: „Es reicht ein Tor – und wir sind wieder da.“ Die „kleinere“ Mannschaft denkt: „Bitte nur kein Gegentor mehr.“ Beide Teams spielen in denselben Minuten, aber mit völlig unterschiedlichen inneren Bildern. Das eine richtet den Blick auf das, was noch möglich ist, das andere auf das, was unbedingt verhindert werden soll.
Genau deshalb werden „große“ Mannschaften bis zum Schlusspfiff ernst genommen. Nicht nur wegen ihrer spielerischen Qualität, sondern weil ihre Überzeugung oft stärker ist als die Zweifel des Gegners. Die Fußball-WM zeigt eindrucksvoll, dass Spiele nicht allein mit den Beinen entschieden werden.
So kommt es, dass im Individual- wie im Mannschaftssport oft jene gewinnen, deren Gedanken bis zuletzt auf Möglichkeiten statt auf Befürchtungen gerichtet sind.



