
Was ich von Milton Erickson über Mentalcoaching gelernt habe
Als ich vor Jahren meine Ausbildung zum Hypnotherapeuten nach Milton Erickson in München absolvierte, fiel mir auf der Heimfahrt nach Sterzing immer wieder etwas auf, das ich bis dahin noch nie erlebt hatte. Ich nahm jedes Mal ein tiefes Gefühl von Zufriedenheit und innerer Ruhe mit nach Hause. Diese Tage hinterließen in mir eine positive Grundhaltung, die noch lange nachwirkte. Bei keiner anderen Aus- oder Weiterbildung hatte ich zuvor eine ähnliche Erfahrung gemacht.
Ich hatte das große Glück, bei zwei Schülern von Milton Erickson – Wilhelm Gerl und Peter Burkhart – erleben zu dürfen, was Hypnose wirklich bedeutet und wie sie auf respektvolle Weise genutzt werden kann. In den vielen Ausbildungsstunden ging es kaum um Theorie; diese konnten wir später selbst nachlesen. Im Mittelpunkt standen vielmehr das Erleben von Trance auf unterschiedlichen Ebenen – auch in ganz normalen Gesprächen – sowie der gezielte Einsatz direkter und indirekter Suggestionen, die an die Ressourcen eines Menschen anknüpfen.
Bis heute fasziniert mich der Erickson-Ansatz, weil er konsequent mit dem arbeitet, was ein Mensch bereits mitbringt. Nichts muss bekämpft oder korrigiert werden. Alles, was die Person anbietet – Gedanken, Gefühle, Erinnerungen oder sogar Widerstände –, kann genutzt werden. Besonders beeindruckt mich das oft kaum bewusst wahrnehmbare „Reframing“, also das Geben einer neuen Bedeutung und Möglichkeiten, die durch offene und versteckte Suggestionen (Einladungen), die das Unbewusste nicht belehren, sondern einladen. Diese kraftvolle Kommunikation baut darauf auf, den Menschen zu verstehen und das bisherige System der Lebensbewältigung zu erweitern.
Wie integriere ich diese Technik – oder besser gesagt diese Kunst der empathischen Kommunikation – in meine Arbeit als Mentalcoach?
Im Sinne von Milton Erickson lautet die Antwort: Nicht der Coach entscheidet, welche Suggestion wirkt – der Klient zeigt den Weg. Die Aufgabe des Coaches besteht darin, den richtigen Moment zu erkennen und die Sprache seines Gegenübers aufzugreifen. Die Wahl einer Suggestion richtet sich deshalb weniger nach einer Methode als nach dem Menschen selbst. Manche reagieren besonders gut auf Bilder, andere auf Körperempfindungen, wieder andere auf Erinnerungen oder innere Dialoge.
Genau darin zeigt sich auch die Haltung eines guten Mentalcoachs. Erickson war weit weniger daran interessiert, besonders raffinierte Suggestionen zu formulieren, als den Menschen aufmerksam zu beobachten. Er hörte auf Wortwahl, Sprechtempo, Pausen, Atmung, Blickrichtung und Körpersprache. Aus diesen Beobachtungen entwickelte er Formulierungen, die sich für den Klienten stimmig und natürlich anfühlten.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Magie offener und versteckter Suggestionen: Sie überreden nicht, sie überzeugen nicht und sie manipulieren nicht. Sie eröffnen Möglichkeiten. Sie laden den Menschen ein, auf seine eigenen Ressourcen zuzugreifen und neue Perspektiven zu entdecken. Für mich ist das weit mehr als eine Technik – es ist eine Haltung der Achtsamkeit, des Respekts und des Vertrauens in die Fähigkeiten des Menschen. Genau diese Haltung möchte ich auch in meiner Arbeit als Mentalcoach weitergeben.




